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Soziale-Medien im Museum

Museum der Zukunft – Soziale Medien im Museum

Gerade in Zeiten von Live-Chats, Video Tagebüchern und ultraschnellen Newsfeed-Updates ist es wichtig, mit der Zeit zu gehen, um dem Zeitgeist des Publikums programmatisch überhaupt noch gerecht zu werden. Da ist es wenig überraschend, dass mehr und mehr Ausstellungsräume, Museen und Sehenswürdigkeiten auf die Unterstützung durch soziale Medien im Kulturbereich setzen.

Welche Bedeutung haben soziale Medien im Kulturbereich?

Das Gros der Museen und Ausstellungsräume hat mittlerweile die sozialen Plattformen für sich entdeckt. Die zugehörigen Accounts werden sogar recht aufmerksam verfolgt: Das New Yorker Museum of Modern Art führt die Instagram-Rangliste zum Beispiel mit umwerfenden eine Million Abonnenten an. Dennoch steckt die museale Erkundung des sozialen Netzwerks noch in den Kinderschuhen. Die Institutionen erkennen das wahre Potenzial ihres Accounts im Regelfall noch nicht, denn derzeit greifen viele Kunsthäuser auf eine ähnlich nichtssagende Aneinanderreihung von Pressemitteilungen, Exponatfotos oder FAQs zurück.

Bewährte soziale Netzwerke für den Kulturbereich

Da der Fokus der meisten sozialen Netzwerke auf Bildern liegt, bietet sich die Nutzung dieser Medien gerade für Kunstgalerien und -museen an. Deren Ausstellungsstücke bilden durch ihre Unverwechselbarkeit einen absoluten Gegenpol zu den üblicherweise geteilten Aufnahmen. Sie können allein dadurch Interesse wecken und den Institutionen so ermöglichen, in einen wertvollen Dialog zu treten, der über die eigenen Räumlichkeiten hinaus geht. Ob das Museum nun auf einen einzigen Zugang oder ein Repertoire verschiedener sozialer Netzwerke zurückgreift, ist dabei vollkommen gleich. Dementsprechend empfehlen sich die folgenden Plattformen:

  • Facebook
  • Twitter
  • Instagram
  • Tumblr
  • Snapchat
  • Pinterest

 

Nutzung der sozialen Medien im Museum: Anwendungen und Beispiele

Im Umgang mit Internet und sozialen Netzwerken ist es wichtig, stets den Dialog zu suchen statt auf eine Einbahn-Kommunikation zu setzen. Hat man das verstanden, bieten einem die Plattformen ungeahnte Möglichkeiten der Ausstellungsumsetzung:

1. Die Exklusivität des sozialen Netzwerks

Die Mitgliedschaft bei sozialen Medien kann für einen gewissen Sonderstatus sorgen: Im Frühjahr 2014 veranstaltete die Münchner Pinakothek der Moderne ein Begleitevent zu einer Ausstellung David Shrigleys, bei dem einhundert Personen unter Ausschluss der Öffentlichkeit eine noch nie gezeigte Skulptur des Künstlers 60 Minuten lang ausdrücklich nur abzeichnen, betrachten und beschreiben durften. Nach dieser Zeitspanne wurde die Skulptur zerstört. Sie besteht für die Nachwelt damit lediglich durch die innerhalb dieses sogenannten Tweetups entstandenen Dokumente weiter, die über soziale Medien veröffentlicht und geteilt wurden.

2. Der Hashtag als virtuelles Aushängeschild

Hashtags sind Oberbegriffe, unter denen User ihre Bilder verschlagworten. Ein eben solcher Hashtag, der sich bezüglich Museen etabliert hat, ist #musepose. Darunter finden sich auf Instagram unzählige Fotos, auf welchen Menschen Körperhaltungen imitieren, die bestimmten Gemälden oder Skulpturen entsprechen. Das Schlagwort wird unmittelbar zu einer Handlungsanleitung, da es viele Betrachter dazu inspiriert, denselben Typ Foto zu machen und sich auf dieselbe Art im Ausstellungsraum zu bewegen. Der Besucher mit Social Media-Account hat dadurch eine neuerliche Motivation, die Institutionen zu besuchen als nur deren Kunst zu rezipieren.

3. Hashtags als Einbindung in den Schaffensprozess

Das Helsinki Art Museum erweitert diese moderne Besucherpolitik. Dort liegen Hinweiszettel aus, mit denen die Besucher sogar ganz offiziell mit Selfies beauftragt werden. Begründet wird dies mit den Worten „Make yourself part of art by taking a #museumselfie.“ Die Handy-Selbstporträts vermitteln somit eine Teilhabe am Gesehenen und jeder Besucher darf bei dieser Aktion für einen Moment in die Fußstapfen des Künstlers treten.

4. Der Instawalk als besondere Rezeptionsform

Hobbyfotografen treffen sich für sogenannte Instawalks, das heißt Fototouren, deren Ergebnisse kollektiv bei Instagram präsentiert werden. Diese Instawalks finden inzwischen auch in Museen statt und sind insbesondere dadurch von Interesse, dass sie außerhalb der gängigen Öffnungszeiten stattfinden.

Soziale Medien im Kulturbereich: Vor- und Nachteile

So großartig die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke sind, so umsichtig ist im Gegenzug mit ihnen umzugehen, wenn man nicht möchte, dass der Fokus auf den falschen Umstand gelegt wird. Anhand des zweiten aufgeführten Beispiels lässt sich das leicht verdeutlichen: Wer wegen des Hashtags #musepose ein Museum besucht, wird in jedem Fall akribischer darauf achten, in welcher Haltung die Porträtierten dargestellt werden. Schlimmstenfalls lässt sich der Besucher jedoch dazu hinreißen, nur noch eiligst nach dem witzigsten Motiv zu suchen, um den Hashtag möglichst erfolgreich zu nutzen. Wenn nur noch die Likes eine Rolle spielen, tritt das Kunstwerk in den Hintergrund.

Es ist unübersehbar, dass Hashtags die Museumsetikette aufbrechen und damit erfolgreicher sind als jeglicher bisherige Ansatz der Museumspädagogik. In der Kunstvermittlung hat man sich das nahtlos eingestanden, weshalb jener Umstand vielerorts durch eigene Hashtag-Aktionen gefördert wird. Man biete „dem zeitgenössischen Betrachter […] einen neuen Zugang zur Kunst und [g]leichzeitig wird deutlich, dass digitale Selfies an die Stelle von altehrwürdigen Selbstporträts treten“, heißt es beispielsweise auf der Webseite der Bremer Kunsthalle. Ob ein fix geschossenes Selfie auf derselben Ebene wie ein jahrhundertealtes Meisterwerk stehen sollte, ist zwar fraglich, aber das situativ entstandene Selfie in die uralte Tradition des Selbstporträts einzureihen bzw. im Umkehrschluss jedes Porträt der Kunstgeschichte als Vorläufer eines Selfies zu betrachten, entfacht zweifelsohne eine interessante Debatte. Die gerade im Dialog mit jenen Nutzern der sozialen Medien geführt werden sollte, die ihre Selfies online zur Schau stellen. Denn was im 19. Jahrhundert die Vereine gewesen sind, ist nun die virtuelle Interessengemeinschaft. Sie plant Events, verarbeitet Inhalte in Chatform und besitzt Regeln im Umgang mit der von ihr propagierten Leidenschaft und durch ihren Einfluss kann das Interesse am Behandelten steigen und fallen.

Abschließend betrachtet setzt sich auf den sozialen Plattformen somit fort, worum die Museumspolitik schon immer bemüht war: Die Kunst spezifisch aufzubereiten, um bestenfalls jede Menge Anlässe zur Kommunikation zu generieren.

 

Bild: https://twitter.com/Pinakotheken/status/452476114938896384, Tweet vom 05.04.2014 © pinakothek.de

Joachim